Die Nacht der langen Messer - hurra wir dürfen wieder schrauben




Es war die längste Etappe der Berlin-Breslau 2005. Am Donnerstag ging es auf vier Abschnittsetappen über 250 Kilometer durch Wald, Felder und lange Sandpisten. Obwohl überwiegend schnell zu fahren gab es wie immer einige Gemeinheiten in Form eines langen Schlammloches, der berühmt-berüchtigten Flussdurchfahrt sowie die Durchquerung eines breiten aber flachen Baches. Nach fünf Tagen Sonne kam gestern gegen Abend der erste Regen, heute Nacht kam dann der grosse Regen, der aus Staubpisten feste Pisten machte.

Die polnischen Anwohner machten die gestrige Etappe zu einer Art Dorffest. Im professionellen Stil stauten sie kleine Bachläufe mittels Sandsäcken und Baumstämmen zu grossen Schlammlöchern auf und jubelten den Teilnehmern bei Bier und Gegrilltem zu. Kinder entdeckten eine Marktlücke: Wir ziehen dein Motorrad für 5 Euro durch den Schlamm, du bleibst trocken. Viele Mopedfahrer nutzten die Möglichkeit: "Das sind die besten 5 Euro, die ich auf der BB investiert habe" berichtet einer der Piloten mit trockenen Füssen.

Einen Wechsel an der Spitze gab es gestern sowohl bei den Pkw als auch bei den Motorrädern. Der Viertplatzierte bei den Motorrädern, der Schweizer Christian Bieri, brach sich gestern den Fuss, als er mit selbigem gegen eine Wurzel kam. Somit konnte Matthias Vetiska seinen dritten Platz weiter festigen, auf Platz zwei liegt Kirmeier hinter Christian Wölfl, der seinen ersten Platz mit 35 Minuten Vorsprung halten konnte.

Bei den Pkw führt Thomas Schuker vor Albert Gryszczuk und Torsten Möller. Endgültig ausgeschieden ist neben dutzenden anderen Teilnehmern Lkw-Favorit Udo Heidenreich, auch die Lila Q von Henrik Strasser gab gestern auf. Insgesamt sind nun rund ein Drittel der Teilnehmer raus.

Die beste Show legte gestern der Pole Albert Gryszczuk hin, der seinen Dakar-tauglichen Bowler an die zweite Position in der Gesamtwertung katapultierte. Runde 30 Minuten konnte der schnelle Pole gestern gutmachen und bewies, das die Berlin-Breslau nicht nur aus Schlamm besteht, sondern auch vor allem für schnelle und leichte Autos absolut tauglich ist.

Die Polen nutzen den Landesvorteil allerdings, um ein wenig zu schummeln. Polnische Fans wiesen auf Abkürzungen hin, das Militär liess einige Polen gar durch eigentlich gesperrtes Gelände fahren. "Was solls" sagen die Veranstalter, "was besseres als so viele polnische Teams und eines an der Spitze kann uns gar nicht passieren. Man denke nur mal an den Status im Land." Dieser ist gegenüber dem Vorjahr gewachsen, was nicht zuletzt die hunderte Zuschauer am Strassenrand beweisen. "Nächstes Jahr besorge ich mir polnische Kennzeichen für die Wertungsetappen" lacht ein deutscher Teilnehmer, "dann komme ich besser durch".

VW-Iltis Pilot Bertram Schäfer schwamm gestern mit seinem VW im grossen Schlammloch auf: "Wir haben geguckt, sind gefahren - aber leider auf der falschen Seite. Es wurde immer tiefer, dann lagen wir komplett drin und mussten warten, bis das Auto voll Wasser war, um die Türen aufzubekommen. Ein Unimog hat uns dann rausgeschleppt. Die Nacht sind wir gemeinsam mit dem 8x8 Tatra gefahren, er war quasi unsere Versicherung. Um halb Sieben sind wir heute morgen ins Ziel gekommen, deshalb fahren wir heute auch nicht mit - wir brauchen ersteinmal eine Mütze Schlaf". Insgesamt ist es die siebte Breslau für Schäfer. "Und immer mit derselben Karre".

Andreas Hut und Christian Kiel schrauben für das Team Betz/Fischer. "Die Breslau lernt Demut", berichtet Hut, "Es passieren Dinge, die man akzetieren muss. Man kann hier echt seine Grenzen erkennen - eine klasse Erfahrung". Hut ist 45 Jahre alt und hat schon viel mitgemacht. "Le Mans, 24 Stunden Rennen - aber was hier so läuft ist unbeschreiblich. Es gibt ganz klar zwei Breslaus - eine vor den Lkw und eine mit den Lkw. Vorne wird gefightet, hinten ums Durchkommen gekämpft."

Einige Schrauber können von der Arbeit gar nicht genug bekommen. So rennt der "Jeepdoc" jeden Abend durchs Camp in der Hoffnung, irgendwo helfen zu können. So lagen er und sein Kollege gestern lange unter dem Suzuki des Pärchens Dr. Gregor Tilch und Nicole Reinel - beide übrigens unterwegs mit Hund Emma. Was defekt war? "Eigentlich nur eine Glühbirne - aber die Jungs haben sich gefreut wie Kinder, als wir Ihnen von einem "Defekt" erzählt haben. Ergo nutzten sie die Gelegenheit, ausser der Glühbirne gleich das ganze Auto zu checken." Hund Emma war übrigens der Grund, warum das Team gestern abbrach: "Emma ging es nicht gut. Die erste Etappe war noch ok, aber dann fing sie an zu jammern und wir brachen ihr zuliebe ab". Tierliebe kann so schön sein...

Für die Mechaniker war es gestern die "Nacht der langen Messer". Bis zum Morgen wurde an allen Ecken und Enden geschraubt was das Zeug hielt. Besonders die zahlreichen Franzosen nehmen die Veranstaltung sehr ernst. "Für uns ist die Berlin-Breslau eines der grössten Ereignisse nach der Dakar" berichtet ein Mechaniker des "Technoland" Land-Rover Teams. "Wir sind zum ersten mal dabei und schauen uns dies erst einmal an. Vielleicht kommen wir im nächsten Jahr mit noch mehr Teams".

Die Ernsthaftigkeit der Franzosen wird auch durch ihr Equipment unterstrichen. Grosse Servicetrucks, professionelle Werkstatteinrichtungen und eigene Mechanikerteams sind dabei, bei Technoland gibt es sogar einen eigenen Koch.

In diesem Jahr sind die Franzosen zudem kollegial wie nie zuvor. Keine Abgrenzungen im Camp, gemeinsame Abende und Austausch unter den Mechanikern. Eine besonders schöne Szene gestern: Ein Toyota Pilot stieg aus, nachdem ihn ein deutscher Unimog aus dem Schlamm geborgen hatte, ging zum Unimog-Piloten und bedankte sich mit Handschlag und einem deutschen "Herzlichen Dank" für die Bergeaktion. Wer die Jahre zuvor dabei war weiss, das die keine Selbstverständlichkeit ist.

Die internationalen Teams nähern sich an wie nie zuvor. Freundschaften werden geschlossen, Erfahrungen und Teile ausgetauscht. Und unterm Strich sprechen wir den Franzosen hier einen ausdrücklichen Dank aus: Sie sind es grösstenteils, die der Berlin Breslau ihren internationalen Touch geben und über die deutschen Grenzen hinaus international salonfähig machen. Merci!

Artikel vom 01.07.2005, Autor: BB-Live-Team / hs


Zurück zur News-Übersicht: [ HIER KLICKEN ]




Schnellnavigation: [ BB05 - Übersicht ]x[ BB05 - News ]x[ BB05 - Pictures ]x[ BB05 Tabellen ]



































 COPYRIGHT 2005 MARATHONRALLY.COM / MARATHONMEDIA NUREMBERG & BERLIN